Kühe melken und Ziegen füttern ist Teil der Ausbildung ebenso wie die jährliche Ernteplanung, die Zucht von Fischen und Krustentieren sowie das Reparieren von landwirtschaftlichen Geräten. Das SOS-Berufsbildungszentrum Bagerhat bereitet Jugendliche auf eine Tätigkeit in der Landwirtschaft vor.

SOS Kinder 1Im Ausbildungszentrum Bagerhat können sich Jugendliche ein vielseitiges landwirtschaftliches Wissen aneignen.

sos kinder melkenKühe melken und Ziegen füttern ist Teil der Ausbildung ebenso wie die jährliche Ernteplanung, die Zucht von Fischen und Krustentieren sowie das Reparieren von landwirtschaftlichen Geräten. Das SOS-Berufsbildungszentrum Bagerhat bereitet Jugendliche auf eine Tätigkeit in der Landwirtschaft vor.

Den Tagesfang an Land zu ziehen, ist für die Schüler eine Übung im Teamwork. Sechzehn Jungen ziehen das große Fischernetz immer enger zusammen, während sie zum seichten Ufer des großen Fischzuchtbeckens im SOS-Berufsbildungs¬zen¬trum schwimmen. Dabei versuchen sie, den Netzrand mit ihren Händen so hochzuhalten, dass die Fische nicht darüber gelangen können, auch wenn diese ständig hochspringen und so das Wasser innerhalb des Netzes zum Schäumen bringen. Neben Karpfen und anderen heimischen Fischarten sieht man auch große blaue Riesengarnelen. Jungtiere werden schnell wieder ins Wasser zurückgeworfen, während die größeren sorgfältig sortiert werden, um sie auf dem örtlichen Markt zu verkaufen. Die Hälfte des Gewinns landet auf den persönlichen Sparkonten der Schüler.
Der 22-jährige Imtaz* und der ein Jahr jüngere Fuad* melken gerade eine Kuh; einer hält das junge Kalb am Seil, während der andere neben der Mutterkuh hockt und melkt. Beide befinden sich in ihrem letzten Ausbildungsjahr und werden bald ihren Abschluss als Milchbauern machen.
sos kinder kuhstall 1Ob über Nutztiere oder Gemüsepflanzen, die landwirtschaftliche Ausbildung in Bagerhat ist allumfassend.Imtaz ist im SOS-Kinderdorf Bogra aufgewachsen, und das Aneignen von Bücherwissen war nie so ganz seine Sache. "Ich lernte nur sehr langsam und hatte keine Lust, noch länger die Schulbank zu drücken", erzählt er. Mit seinem jetzigen Tätigkeitsfeld ist er rundum zufrieden und träumt von einem eigenen Bauernhof: "Eine gesunde Kuh gibt am Tag 33 Liter Milch, das bringt einen guten Gewinn!"
Auf der SOS-Farm haben Imtaz und Fuad bereits alles über Kühe gelernt, angefangen vom Wasserbedarf über Tierhygiene bis zur Fütterung und Versorgung mit allen nötigen Nährstoffen. "Kühe benötigen eine Mischung aus Heu, Futtermitteln aus Sojasamen und Stroh; dadurch steigert man die Milchproduktion und verhütet Krankheiten", sagt Fuad. Er ist im SOS-Kinderdorf Rajshahi aufgewachsen und träumt davon, einmal zehn oder zwölf Kühe sein Eigen zu nennen. "Aber für den Anfang werde ich mich wohl mit einer begnügen müssen. Eine Kuh kostet zwischen 10.000 und 19.000 Taka." (1 Euro entspricht 107 Taka)


Die Kuh ist gemolken und Imtaz schüttet den letzten Eimer schäumender Milch in den Container. Später werden sie die Milch abpacken und auf dem Markt verkaufen.sos kinder acker 1
Die Herstellung von Milch und Fleisch ist aber nur ein Teil der Produktpalette im Berufsbildungszentrum. Reichlich Kuh- und Hühnermist, Obst- und Gemüseabfälle sowie verfaultes Gras und Laub dienen als Rohmaterial für die Biogas-Anlage auf dem Farmgelände. Das "hausgemachte" Gas findet als wertvolle Energie zum Kochen viele Abnehmer in der näheren Umgebung. Als Nebenprodukt dieser biologischen Verwertung entsteht ein hochwertiges natürliches Düngemittel, das direkt auf die farmeigenen Felder und Beete ausgebracht wird und zu einer ergiebigen Ernte beiträgt: Kartoffeln, Kohl, Salat, Kohlrabi, Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch, Karotten, Chilischoten, Mais, Spinat, Broccoli, Papaya, riesige Wassermelonen und Reis.
Zur Ausbildungsstätte gehören neben Feldern und Beeten auch eine Holzwerkstatt, ein Bauernhaus mit Vorratsräumen, vier Jugendwohnhäuser, ein Jugendleiterhaus, ein Gemeinschaftsraum, eine kleine Krankenstation und eine Bibliothek.
Das Entengehege befindet sich gleich neben dem Fischzuchtbecken, und auf dem Weg zu den Unterständen, die die Ziegen und Kühe vor der sengenden Mittagshitze schützen, trifft man auf fünf Hühnerställe und zwei Molkereien. Im Dachstuhl des offenen Geräteschuppens nisten außerdem etwa 250 Tauben.
Jährlich erhalten hier 50 Jugendliche aus den SOS-Kinderdörfern und aus deren Nachbarschaft eine gründliche Ausbildung in Landwirtschaft und Viehzucht. Den Schülern werden sowohl theoretische als auch vielseitige praktische Kenntnisse vermittelt: nachhaltige Fischzucht, biologischer Landbau, Vorbeugung und Bekämpfung von Schädlingsbefall, Gewinnung und Verwendung von Kompost und anderen natürlichen Düngemitteln, artgerechte Tierhaltung, der Umgang mit verschiedensten Werkzeugen und deren Reparatur, die Erstellung von Arbeitsablaufplänen, Weiterverarbeitung und Marketing der zu verkaufenden Farmerzeugnisse, Buchhaltung und vieles mehr.
Zweimal im Jahr organisieren die Ausbilder ein Umwelt-Camp, denn ökologisches Bewusstsein und Verantwortung für die Umwelt ist ein großes Anliegen dieses Ausbildungsprojektes. Gerade für zukünftige Landwirte ist es unerlässlich, die Natur zu kennen und die Umwelt zu schützen, um ihre eigene Zukunftsperspektive zu sichern. Auch interessierte Mädchen und Jungen aus den SOS-Kinderdörfern nehmen gerne an diesen Camps teil.
Vier Jahre dauert die Ausbildung. In dieser Zeit durchlaufen die Jugendlichen im Rotationssystem alle Stationen und Bereiche der Landwirtschaft. Zusätzlich bietet das Zentrum eine Ausbildung zum Tischler und Landwirtschaftstechniker an.
Die Entwicklung professioneller Geschicklichkeit und die Teamarbeit während der Ausbildung spielt eine große Rolle für das Selbstbewusstsein der Jugendlichen und ihre

sos kinder werkstattInteressierte Jugendliche bei der Schreinerausbildung in Bagerhat.Integration in die Gesellschaft.
Das Ausbildungsprojekt startete 1995. Jährlich schließen etwa 10 Jugendliche die Ausbildung erfolgreich ab. Ihre Chancen auf einen Arbeitsplatz sind gut: Einige von ihnen arbeiten anschließend in benachbarten Agrarbetrieben, andere gründen einen kleinen Bauernhof und schaffen sich so eine eigene Existenz. Auch die SOS-Farm selbst ist ein wichtiger Arbeitgeber. Als gewinnorientierter Betrieb bietet sie Absolventen die Möglichkeit, dort als Landwirte zu arbeiten.
Da auch junge Menschen aus den umliegenden Gemeinden gefördert werden, leistet das SOS-Berufs¬bildungszentrum einen wertvollen Beitrag zur Bekämpfung der hohen Arbeitslosigkeit in der Region. Bagerhat befindet sich im Südwesten des Landes, etwa 30 km südöstlich von Khulna. Dort sind sehr viele junge Leute von der schlechten wirtschaftlichen Lage betroffen.

sos kinder karte bangladeschEin dicht besiedeltes Land
Der Agrarsektor ist ein wichtiger Wirtschaftszweig dieses extrem armen, dicht besiedelten Landes. Fast zwei Drittel der Bevölkerung Bangladeschs leben von Landwirtschaft, Viehzucht und Fischerei.
Die Infrastruktur des Landes, die medizinische Versorgung und der Bildungssektor sind nur schwach entwickelt. Über 50% der Erwachsenen können weder lesen noch schreiben. Mangelernährung ist weit verbreitet mit lebensbedrohlichen Folgen vor allem für Kinder. Eine Großzahl der 153 Millionen Einwohner lebt unter der Armutsgrenze. Erschwert wird die wirtschaftliche Entwicklung auch durch die jährlichen Überflutungen von etwa einem Drittel der Landesfläche während der Monsunzeit. 

 

SOS-Kinderdorf-Programme in Bangladesch

In Bangladesch wurde das erste SOS-Kinderdorf 1973 in Dhaka eröffnet.

Heute gibt es in diesem Land: Sechs SOS-Kinder­dörfer, fünf SOS-Jugendeinrichtungen, vier Hermann-Gmeiner-Schulen, vier Berufsausbildungs­zentren und vier Sozialzentren.

Die SOS-Einrichtungen kommen 8.800 jungen Menschen. Allein in den Kinderdörfern werden 800 Mädchen und Jungen betreut.



* Namen wurden zum Schutz der Privat¬sphäre geändert.


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