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Sie ist 31 Jahre alt, erwartet gerade ihr drittes Kind, als Stephanie v. Pfuel Anfang der 90er Jahre das Schloss ihrer Familie erbt. Das einst prächtige Renaissance-Schloss in Tüssling, 90 Kilometer östlich von München, gleicht einem gruseligen Gespensterschloss. Das Dach ist undicht, der Putz bröckelt von den Wänden, fast alle Fensterstöcke sind verfault. Im Artikel 14 des Grundgesetzes heißt es: „Eigentum verpflichtet.“ Eine Herausforderung.

 

 

Sie ist 31 Jahre alt, erwartet gerade ihr drittes Kind, als Stephanie v. Pfuel Anfang der 90er Jahre das Schloss ihrer Familie erbt. Das einst prächtige Renaissance-Schloss in Tüssling, 90 Kilometer östlich von München, gleicht einem gruseligen Gespensterschloss. Das Dach ist undicht, der Putz bröckelt von den Wänden, fast alle Fensterstöcke sind verfault. Im Artikel 14 des Grundgesetzes heißt es: „Eigentum verpflichtet.“ Eine Herausforderung.

 

Eine schmale Straße schlängelt sich, dicht gesäumt von einem Wald aus Fichten, Buchen, Lärchen und Erlen, nach Tüssling. Abrupt endet der Wald und eröffnet einen herrlichen Blick auf Tüssling. Strahlend weiß leuchtet das Schloss mit seinen vier markanten Zwiebeltürmen. Das korallenrote Dach bildet einen wunderschönen Kontrast. Der saftiggrüne Park mit uralten Bäumen wirkt herrlich gepflegt, ein altes Wasserrad dreht beschaulich seine Runden in der Mörn, einem kleinen Bach, der direkt am Schloss vorbeifließt. Über den ausgetrockneten Graben des einstigen Wasserschlosses führt eine alte geschwungene Steinbrücke auf den Hof. Warm scheint das Sonnengelb der Wirtschaftsgebäude, Kavaliershäuser und Stallungen. Im großen, rot-weiß gestrichenen Hauptportal steht  Stephanie Gräfin v. Pfuel: „Grüß Gott, kommen Sie herein!“ In einem roten Abendkleid mit einer Tasse Kaffee in der Hand tanzte sie durch den Ballsaal – so ist Stephanie v. Pfuel vielen Menschen aus der Fernseh-Werbung bekannt. Doch jetzt trägt sie lässige Jeans, einen lachsfarbenen Pullover, flache Ballerinas. Dezent geschminkt leuchten ihre himmelblauen Augen. „Machen wir einen kleinen Rundgang durchs Schloss“, lädt sie ein.

 

Das Schloss wurde mein Zuhause. Hier verbrachte ich meine Kindheit, meine Jugend.

 

Wie wird man eigentlich Schlossbesitzerin? „Schuld“ ist der Großvater. Dr. Alfred Michel war ein erfolgreicher Anwalt, Gesandter beim Vatikan. Ein vermögender Mann, der sogar einen großen Teil der Münchener Kanalisation mitfinanzierte. Dieser Alfred Michel liebte eine Gräfin. Um ein angemessenes Zuhause für seine künftige Familie zu haben, kaufte Alfred Michel 1905 das Schloss in Tüssling. Und da er als Bürgerlicher er nicht standesgemäß für eine Ehe mit einer Gräfin war, verlieh ihm der damalige Prinzregent Luitpold für sein glorreiches Engagement in München den Adelstitel „Freiherr Michel von Tüssling“. Nach dem Zweiten Weltkrieg beschlagnahmten die Amerikaner das Schloss. Damit es die Caritas als Altenheim nutzen konnte, wurden neue Wände gezogen, Toiletten und Waschbecken eingebaut. Ende der Fünfzigerjahre zog die Caritas wieder aus. Danach stand es viele Jahre leer. Aus dem einst so schönen Gebäude wurde ein gruseliges Gespensterschloss. Sohn Karl Freiherr Michel von Tüssling fürchtete sich vor den enormen Kosten, die eine Renovierung verursacht hätte. Erst Ende der 60er Jahre richtete er 20 der 90 Zimmer für seine Familie her. In eines dieser Zimmer zog das damals sechsjährige Mädchen Stepahnie v. Pfuel. „Ich wachte eines Morgens in einem neuen Bett auf, öffnete die Augen, sah mich um und konnte es kaum fassen: Jetzt lebten wir in einem Schloss.“ Neugierig irrt sie barfüßig durch das riesige Gebäude, das voller Gerümpel steht. Sie streift von Zimmer zu Zimmer, steigt über alte Möbel, dick verstaubte Kartons, Koffer und Waschkörbe voller Kleidung.

 

„Das Schloss wurde mein Zuhause. Hier verbrachte ich meine Kindheit, meine Jugend. Ich erinnere mich genau, wie ich in unserer kleinen, barocken Kapelle getauft wurde. Es war das erste, große Ereignis für mich im Schloss.“ Die letzten Worte ihres Vaters am 30. Oktober 1991 stellen Stephanie V. Pfuel vor eine Entscheidung, deren Ausmaß sie nicht überschauen kann. „Du bist die Alleinerbin von Tüssling“, sagte Karl Michel zu seiner Tochter. „Ich lege den Betrieb in deine Hände. Das Schloss, die Landwirtschaft und den Forst. All das steht in meinem Testament.“ Von ihrem Vater wusste Stephanie v. Pfuel, dass nichts, nicht mal die geringste Veränderung an den wertvollen historischen Gebäuden vorgenommen werden durfte, ohne das Landesamt für Denkmalpflege einzuschalten. Das schrieb das Gesetz vor. Die Kosten einer Renovierung sind so völlig unkalkulierbar. Trotzdem sagt sie sofort: „Ja, ich nehme das Erbe an.“ Mit einfachen Worten erklärt sie: „Das Schloss gehört unserer Familie. Mit dem Erbe bekam ich die Aufgabe, das, was mein Großvater und Vater geschaffen hatten, zu erhalten. So, wie andere Kinder die Bauernhöfe oder Häuser ihrer Eltern erben, übernahm unser Zuhause. Ganz ehrlich: ich hatte immer davon geträumt, dass Schloss wieder glänzen zu lassen.“

 

Als wir vorsichtig den Putz abkratzten, erzählten uns die Gebäude ihre lange und interessante Geschichte.

 

Voller Kraft und Elan stürzt sich Stephanie v. Pfuel in eine Aufgabe, die ihr eigentlich fremd ist. „Als wir vorsichtig den Putz abkratzten, erzählten uns die Gebäude ihre lange und interessante Geschichte. Wir entdeckten Fenster, die zugemauert oder verkleinert wurden. Die braunen Faschen, die abgesetzten Streifen rund um die Fenster, waren ursprünglich zarte Routen in Pastelltönen. Es war spannend, auf die Originalschichten aus dem 16. Jahrhundert zu stoßen.“ Der Denkmalpfleger inspizierte, prüfte mit Kennerblick. „Der Putz muss analysiert werden, die Mischungen, die es heute gibt, taugen nichts. Wir müssen den alten Putz wieder herstellen. Und für die Dachziegel brauchen wir Biberschwänze!“ Biberschwänze? Stephanie v. Pfuel hatte noch nie etwas davon gehört. Egal, sie fragt nach, liest, kümmert sich. Fassade um Fassade, Dach um Dach, Zimmer um Zimmer, Saal für Saal richtet sie das Schloss wieder her. Jede freie Minute geht dafür drauf, jeden Cent, den sie erwirtschaftet, investiert sie. „Ich werde nie vergessen, wie wir den passenden Kalk für die Fassade des Schlosses aus einer ehemaligen Kalkgrube in unserer Nähe herangeschafft haben.“ Der Putz musste dann mit Körnungen angereichert werden, die heutzutage aus allen Putzsorten gezielt entfernt werden. „Manchmal war ich wirklich kurz davor, durchzudrehen.“ Der 350 Quadratmeter große Ballsaal stand voller Gerümpel. Sechs Arbeiter räumten drei Tage lang Sperrmüll. Erst dann konnten die Stuckateure Risse an den Wänden schließen, fehlende Ecken ergänzen. Der Gartensaal war vom Grünspan befallen, die Rokoko-Holzvertäfelungen lösten sich durch die Feuchtigkeit voneinander. „Die einst weißen Rosen waren schwarz.“ Mit hohem Können und viel Feinarbeit restaurierten Kunstschüler Tafel für Tafel.

 

Längst strahlen auch die romantischen Laubengänge im Hof in frischen Farben. Sechs Arkaden an jeder Seite bilden diese Gänge, die in der frühen Renaissance sehr beliebt waren. Um die dicken Granitpfeiler im Erdgeschoss rankt sich zarter Efeu. Wie lebt eine Familie, die ein Schloss besitzt? „Wir haben ein Wohn-, ein Schlaf- und sechs Kinderzimmer, alle praktisch und modern eingerichtet.“ In einem Laubengang in der ersten Etage ist das „Sommerwohnzimmer“ der Familie Pfuel, eingerichtet mit Grill, großem Esstisch und gemütlicher Sitzecke. „In der warmen Jahreszeit verbringen wir viel Zeit hier draußen.“ Im Ballsaal haben die Kinder ein Federballnetz gespannt, für Tage, wenn der Fußballplatz im Park nicht genutzt werden kann. In einer Ecke im Park hat sich Stephanie v. Pfuel einen kleinen Gemüsegarten mit Salat, Tomaten und Radieschen eingerichtet und aus den Äpfeln von der uralten Streuobstwiese presst sie frischen Saft.

 

Der Wald ist nicht nur ein angenehmer Erholungsort, sondern ein wichtiger Rohstofflieferant.

 

Die Kosten der Renovierung des Schlosses sind gigantisch. Allein die Sanierung des Gartensaals verschlingt den Preis eines Einfamilienhauses. Diese Kosten zu stemmen, ist nur Dank der Weitsicht des Großvaters möglich. Er hatte zusätzlich zum Schloss Forst und Ackerland erworben. „Vater hatte nach dem Krieg erst einmal diese Güter auf Vordermann gebracht. Damit war unsere Familie wirtschaftlich abgesichert.“

 

Schon als kleines Mädchen begleitet Stephanie v. Pfuel den Vater in den Forst. Stundenlang sitzt sie mit ihm auf dem Jagdhochstand. Der Vater ist streng, fast unnahbar. Und doch gelingt es ihm, seine Tochter für den Wald zu begeistern. Schließlich studiert sie Forst- und Holzwirtschaft an der Universität für Bodenkultur in Wien. Als Ingenieurin kommt sie zurück, übernimmt nach und nach die Betreuung der Waldflächen. 1000 Hektar Wald gehören zum Schloss, das entspricht ungefähr 1400 Fußballfeldern. Bis heute kümmert sich Stephanie v. Pfuel um ihren Wald. „Der Wald ist nicht nur ein angenehmer Erholungsort, sondern ein wichtiger Rohstofflieferant.“ Wichtigstes Vorbild ihrer Arbeit als Waldbesitzerin: Hans Carl von Carlowitz (1645 – 1714), Oberberghauptmann am kursächsischen Hof in Freiberg. Er gilt als Begründer des Prinzips der Nachhaltigkeit. Angesichts einer drohenden Rohstoffkrise formulierte von Carlowitz 1713 in seinem Werk "Sylvicultura oeconomica" erstmals, dass immer nur so viel Holz geschlagen werden sollte, wie durch planmäßige Aufforstung, durch Säen und Pflanzen nachwachsen konnte. „Daran halten wir uns bis heute“, sagt die Gräfin. In einem unkonventionellen roten Mini-Transporter fährt sie durch den Forst, schaut mindestens einmal in der Woche nach dem Rechten. „Typisch für Ostbayern sind Fichten. Aber wir pflanzen auch Erlen, Eschen, Buchen, Eichen, Lärchen. Mein Lieblingsbaum ist diese Stieleiche. Sie ist mindestens 250 Jahre alt. Ein wunderschöner Baum mit einer fantastisch üppigen Krone.“ Wenig später kontrolliert sie einen neu gepflanzten Fichtenhain. „In meinen Wäldern wende ich keine Chemie an und setze auch möglichst keine Zäune. Wir schützen die jungen Triebe unserer kleinen Fichten beispielsweise mit Schafwolle vor Rehverbiss.“ Wenig später ruft sie: „Die Lärchen sehen gar nicht gut aus. Eigentlich müssten sie jetzt zartgrün leuchten, stattdessen sind sie braun. Da werde ich mich morgen gleich darum kümmern.“ Sie weiß, wovon sie spricht. Der Forst ist ihr Metier.

 

Was du erbst von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen. (Goethe)

 

Das Erbe hat aus der jungen Mutter Stephanie v. Pfuel eine erfolgreiche, verantwortungsvolle Unternehmerin gemacht, die auch über die Mauern ihres Schlosses schaut. Als 2. Bürgermeisterin von Tüssling sorgt sie sich um ausreichend Kindergartenplätze, neue Wohngebiete und kämpft gegen überzogene Verordnungen gegen Hochwasser. „Unser kleiner Bach Mörn hat in den letzten 150 Jahren kein einziges Hochwasser verursacht. Wir haben aber Auflagen in Millionenhöhe bekommen, als würde aus diesem Bach in den nächsten Jahren ein reißender Strom werden. Was für eine Geldverschwendung.“ Geld, das die Gemeinde für sinnvollere Projekte bräuchte. „ Ich lebe in Tüssling, meine Kinder gehen hier zur Schule. Klar, dass mir unsere Stadt am Herzen liegt. Von meiner Mutter habe ich oft das Goethe-Zitat gehört: „Was du erbst von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen.“ Bevor ich selbst Tüssling geerbt hatte, konnte ich damit nichts anfangen, verstand den tieferen Sinn nicht. Erst seit einigen Jahren ist mir klar, was Goethe damit meinte: Erben bedeutet zwar materielles Eigentum, aber das Gefühl, dieses Erbes würdig zu sein, es, wie Goethe meint, zu besitzen, das habe ich mir erst im Laufe der Zeit durch harte Arbeit und ständige Auseinandersetzungen erworben. Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass Tüssling noch lange Zeit unter einem guten Stern stehen möge.“

 

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