Motto: Ludger Abeln moderiert „Hallo Niedersachsen“ und „Lust auf Norden“ beim NDR. Doch am beliebtesten ist sein „Plattdüütsch-Frühschoppen“ sonntags, 11 Uhr. Kein Wunder: die ersten Kinderlieder sang er mit der Oma Helene auf Platt.

 

Motto:

Ludger Abeln moderiert „Hallo Niedersachsen“ und „Lust auf Norden“ beim NDR. Doch am beliebtesten ist sein „Plattdüütsch-Frühschoppen“ sonntags, 11 Uhr. Kein Wunder: die ersten Kinderlieder sang er mit der Oma Helene auf Platt

 

„Moin“, begrüßt mich Ludger Abeln. Ich stutze: es ist dunkel, 19 Uhr. Höflich, wie ich bin, rufe ich „Moin, Moin“ zurück und tapse damit voll in die Falle. Schmunzelnd klärt mich Ludger Abeln auf: „Moin!“ ist der Ostfriesengruß zu jeder Tages- und Nachtzeit! Es bedeutet so viel wie „Hallo“ oder „Wie geht’s?“ Moin, Moin jedoch sagen nur Schwätzer.“ Na prima, Berliner Großstadtschnauze trifft Ostfriesen. Das kann ja heiter werden.

 

Unser Treffpunkt: das „Perior“, Ludger Abelns Lieblingsrestaurant.

 

 

 

 

 

 

Nicht nur unsere Sprache ist Platt, sondern das ganze Land

 

„Klar, wir Ostfriesen lieben Traditionen, unseren Tee, das Krabbenbrot und blau bemalte Fliesen, aber hinterwäldlerisch sind wir nicht.“ Ludger sagt „wir“, dabei ist er gar kein waschechter Ostfriese. Er kam im Emsland zur Welt. Aber vor 25 Jahren verliebte er sich in eine Ostfriesin, lebt seitdem in Leer. „Das „Perior“ ist anders als alles, was es bisher hier im Norden gibt.“ Der 26jährige Koch Christian Richter hat es vor drei Monaten mit seiner Partnerin Miriam Wodak eröffnet. Liebevoll haben die Beiden das 100jährige, denkmalgeschützte Haus restauriert, originale Deckenmalereien und Stuckarbeiten erhalten. Das Interieur ist modern: drei große Fotos von Messer, Gabel und Löffel an der Wand, Tische und Stühle ohne Schnickschnack. Christian Richter ist in die Schule von vier verschiedenen Sterneköchen gegangen. Das prägt. Seine Speisen sind kulinarische Kunstwerke, die nicht nur das Auge, sondern vor allem den Gaumen überraschen.

 

Während wir Frieslandzander, Räucherfumit mit Boskopapfel und Macis und rote Rübchen kosten, plaudern Ludger und ich ein bisschen über Großmutter Helene. „Oma sprach Platt. Und da ich oft bei Oma war, lernte ich auch platt.“ Das kann Ludger Abeln bis heute. „Platt ist hier Alltagssprache, auch bei der Jugend. Es klingt freundlicher, liebevoller. „Du Dösbattel“  ist jedenfalls allemal netter, als „Du Idiot“, oder? Aber morgen zeige ich euch: nicht nur unsere Sprache ist Platt, sondern das ganze Land! Dat kannst mi glööven!“

 

 

 

Teetied: Wölkchen auf Tee

 

Und was präsentiert uns ein Ostfriese als erstes: die Teezeremonie natürlich. 10 Uhr, Teemuseum Leer. Hier, im alten Teehandelshaus von Johann Bünting, begann vor 200 Jahren der Kult. Der Tee kam damals mit Schiffen nach Ostfriesland. Und da im 17. Jahrhundert alles, was aus Asien kam, begehrt war, landete 1610 auch die  erste Lieferung Tee aus Ostindien im Hafen in Leer. Anfangs half er gegen die Kopfschmerzen vom vielen Bier. Selbst Kinder tranken damals Bier, das einzige Getränk, das die Keime im schmutzigen Moorwasser abtötete. Bald jedoch löste der Tee das Bier ab. Mit dem Tee kam auch das Porzellan. Und so entstand nach und nach die ostfriesische Teezeremonie. „Der Ostfriese trinkt seinen Tee nicht etwa aus einfachen Pötten, sondern aus hauchdünnen, winzig kleinen Porzellantässchen, verziert mit „Roter Rose“ oder „Blauer Zwiebel“. Kluntje in die Tasse, mit Tee auffüllen und dann die Teesahne vorsichtig am Rand einfüllen. Sofort entstehen kleine Wölkchen. Nicht umrühren!“ Drei Tassen Tee sind „Ostfriesenrecht“. Ludger Abeln trinkt manchmal 15 am Tag. „Es ist für mich eine Zeremonie der Ruhe in der Hektik des Alltags. Wenn ich eine Sendung vorbereite, viel telefoniere, bespreche, lese, nachdenke, läuft mein Kopf auch Hochtouren. Dann eine Tasse Tee, himmlisch.“

 

 

 

Der schiefste schiefe Turm ist zwei Grad schiefer als der Turm von Pisa

 

Momentan bereitet Ludger Abeln den nächsten „Plattdüütsch-Frühschoppen“ vor. Er wird aus der Kunsthalle Emden gesendet. Vor 25 Jahren gebaut, um die Kunstsammlung von Henri Nannen aufzubewahren, ist sie heute zu einem beliebten Ziel für Kunstfreunde aus ganz Deutschland geworden. Zu den Lieblingsbildern von Henri Nannen gehören die Werke von Franz Radziwill. Begeistert bleibt Ludger Abeln vor dem Bild: „Der Wasserturm in Bremen“ stehen. „Diese Farben…“, schwärmt er.  

 

Wir fahren auf der B 210 weiter von Emden Richtung Greetsiel. Hier ist das Land so platt, dass man morgens schon sieht, wer zum Abendessen kommt. Plötzlich ruft Ludger Abeln: „Stopp, das müsst ihr sehen!“ Wir halten vor der Kirche in Suurhusen. Doch was ist das? Der Kirchturm neigt sich bedrohlich. „Das ist der schiefste schiefe Turm der Welt“, erklärt Ludger. Neigung: 5,19 Grad. Die Neigung des Turms in Pisa dagegen beträgt nur 3,97 Grad! Ein Klacks. Und warum ist der Turm so schief? „Ostfriesland ist sehr morastig. Deshalb wurde der Turm 1450 auf vielen Eichenstämmen gebaut. 400 Jahre trugen die Stämme treu die Kirche. Doch dann entwässerten die Bauern die umliegenden Ländereien. Die Eichenstämme trockneten aus, begannen zu modern. Und der Turm neigte sich Jahr für Jahr ein Stückchen mehr. Erst 1985 wurde das Fundament freigelegt und mit viel Stahl und Beton gesichert. Nun ist der Turm immer noch schief, aber sicher. Gott sei Dank.“

 

 

 

Der Nachfahre eines Häuptlings, eine echte Herrlichkeit

 

Nur wenige Kilometer hinter Suurhusen liegt Groothusen. „Weißt du eigentlich, dass es in Ostfriesland Häuptlinge gab?“ Ich stutze: Tipi, Friedenspfeife und Federschmuck am Watt? Dann steht er vor mir: der fast 85jährige Enno Kempe mit qualmender Zigarre und schokobraunem Labrador. Er ist der zehnte Nachfahre von Häuptling Beninga. Ludger Abeln erklärt das Phänomen: „Im 15. Jahrhundert gab es unter den reichen und mächtigen Friesen reichere und mächtigere, die wollten ihrem Wohlstand entsprechend komfortabler wohnen. Die Größten unter ihnen nannten sich „Hovetlinge“, „Häuptlinge“. Sie bauten sich ein Steinhaus als feste Burg, boten Mensch und Vieh Schutz, bestimmten von da an über Recht und Unrecht in ihrer Landesgemeinde. Auch Häuptling Beninga baute 1490 in Groothusen eine Burg.“ Der älteste Teil ist ein langer, zweigeschossiger Saalbau, umgeben von einem Park mit einer Lindenallee, an dessen Ende man auf einen flötenspielenden „Pan“ schaut. Hinter den 90 cm dicken Mauern lebt Geschichte: prächtige Räume geschmückt mit geprägten handbemalten Ledertapeten, ein reich verzierter Barock-Kamin, hauchdünnes Porzellan aus China mit dem Wappen der Familie. In einem Saal hängen die Bildnisse der einstigen Besitzer in Goldrahmen, Gemälde von Herrlichkeiten aus zehn Generationen. Liebevoll bewahrt Enno Kempe die Geschichte seiner Familie. Und erzählt Geschichte und Geschichten über Raubzüge, Fluten und große Mathematiker. Der Nachfahre eines Häuptlings, eine echte Herrlichkeit.

 

 

 

Gefährliche Kulleraugen

 

Wir sind mit einem Fiat Doblò unterwegs. Das ist praktisch, denn in den großen Kofferraum passen Blitzanlage, Kamera und Wechselkleidung prima hinein. „Oft bin ich aber mit dem Rad unterwegs.“ Drei, vier Mal in der Woche holt Ludger Abeln sein Rennrad aus der Garage, fährt mindestens 40 Kilometer über das Land. „Unglaublich, wie nah ich dann der Natur bin.“ Ludger Abeln engagiert sich für das Weltnaturerbe Wattenmeer. So war er für die „Seehundstation Norddeich“ bei der Auswilderung der Seehunde dabei. „Riesengroße Kulleraugen, kleine Stupsnase und freche weiße Barthaare, Seehunde erobern die Herzen der Menschen im Sturm. Doch genau das macht ihnen das Leben so schwer.“ In der Station erklärt Tierpflegerin Helene Kämper: „Bei Ebbe erholen sich die Seehunde, schlafen, säugen ihre Jungen. Immer wieder werden sie in dieser Phase gestört, vor allem durch Menschen, die zu nah an die Tiere herangehen.“ Manchmal flüchten bis zu 200 Tiere 12 Mal an einem einzigen Tag Hals über Kopf ins sichere Wasser. Kein Wunder, dass einige Tiere auf der Strecke bleiben. Im Sommer sind es die Welpen, die ihre Mütter verlieren. Im Winter die geschwächten Tiere, die anfälliger für Krankheiten sind. Einige von ihnen kommen in die Seehundstation Norddeich, werden hier solange aufgepäppelt, bis sie gesund und kräftig wieder in ihre See zurückkehren können.

 

 

 

Kiek mol wedder in

Es wird wieder Abend in Ostfriesland. Allmählich werden die Bürgersteige hochgeklappt. Im Hafen von Neuharlingersiel schaut Fischer Wilhelm Jacob nach seinem Boot. Er ist in fünfter Generation Krabbenfischer. Doch heutzutage takelt er seine Gorch Fock nur noch auf, wenn Touristen eine Tour bei ihm gebucht haben. Die Fahrt zum Krabbenfang lohnt sich für ihn längst nicht mehr. „Monsterkutter, bis zu 24 Meter lang und hochmodern ausgerüstet, verdrängen unsere kleinen, bunten Fischerboote.“ Wenig später verabschieden wir uns von Ludger Abeln. „Kiek mol wedder in“, ruft er zum Abschied.

 

 

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