FREE LandSpiegel-Ausgaben

Bewertung: 5 / 5

Stern aktivStern aktivStern aktivStern aktivStern aktiv
 

Den Tevje sang Gunther Emmerlich in Hamburg, in der Carnegie Hall in New York gestaltete er einen Liederabend und in Hong Kong jazzte er mit der "Semper House Band". Doch immer wieder zieht es den Sänger und Entertainer in das Holzland mitten in Thüringen. Denn in der kleinen Stadt Eisenberg wurde er geboren.

 

Den Tevje sang Gunther Emmerlich in Hamburg, in der Carnegie Hall in New York gestaltete er einen Liederabend und in Hong Kong jazzte er mit der "Semper House Band". Doch immer wieder zieht es den Sänger und Entertainer in das Holzland mitten in Thüringen. Denn in der kleinen Stadt Eisenberg wurde er geboren

 

27.  November 2010, 10 Uhr. Das Thermometer zeigt Minus 5 Grad. Vor zwei Tagen hat es zum ersten Mal geschneit. Milliarden feiner Schneekristalle kleiden die Landschaft in ein magisches Winterweiß. Eingekuschelt in dickem Wollmantel und kariertem Schal steht Gunther Emmerlich vor der Schloßkirche. „Willkommen im Holzland“, begrüßt er uns. Sein Bass klingt frisch und unglaublich tief. Das Holzland liegt zwischen Saale und Elster, wird von Hermsdorf, Eisenberg und Stadtroda begrenzt. „Hier bin ich geboren und aufgewachsen!“ Mit 26 Jahren zog Gunther Emmerlich nach Dresden, der Semperoper wegen. Was ihm heute noch an seiner Heimat gefällt, stellt er uns an diesem Novembertag vor.

 

Heimat ist dort, wo der Mensch alles, fast alles, das erste Mal getan, empfunden und erduldet hat

Gunter EmmerlichGunter EmmerlichWarum treffen wir uns ausgerechnet vor der Schloßkirche? Von außen sieht sie schlicht aus: weiß, keine Fresken, keine Zier. „Treten Sie ein“, lächelt Gunther Emmerlich geheimnisvoll. Wir öffnen das knarrende Portal und staunen. Der Kirchenraum ist eine Pracht barocker Maler und Bildhauer: liebliche Engel tummeln sich über dem Altar, dramatische Deckengemälde und prunkvolle Stuckarbeiten faszinieren. „Die Schloßkirche ist eine der schönsten Hochbarockkirchen Mitteldeutschlands, von italienischen Baumeistern errichtet. 1692 wurde das Werk vollendet. Sie ist total überladen. Herzog Christian hat sich finanziell ja auch richtig übernommen damit. Aber die Kirche ist wunderschön.“ Natürlich hat Gunther Emmerlich in diesem Prunk schon gesungen. Die Dame, die uns die Kirche geöffnet hatte, flüstert: „Wenn er hier singt, freuen sich sogar die Putten und die Kirche ist proppenvoll wie nie!“ Da schläft auch das Herz des Sängers höher. Richtiges Herzrasen jedoch hatte er im Teehäuschen gleich neben der Kirche. „Mein erster Kuss. Sabine hieß sie, schön war sie. Als sie die FDJ-Bluse auszog, habe ich nichts vermisst.“ Emmerlich schmunzelt. „Heimat ist dort, wo der Mensch alles, fast alles, das erste Mal getan, empfunden und erduldet hat. Es sind wie so oft die ganz kleinen Dinge, die bleiben, weil sie berührten.“ Die Fleischerei, in der er als kleiner Bub das erste Mal 150 Gramm Leberwurst geholt hat, gibt es heute noch. Gunter EmmerlichGunter EmmerlichSie hat sich nicht verändert: grün bemalte Fliesen, große Spiegel an den Wänden. Heute würzt die Enkelin von Ernst Schunke die Wurst, Erika Bielinski. „Mensch Gunther, ich habe dich doch gerade erst im Fernsehen gesehen“, erzählt die Fleischerfrau. Schnell schmiert sie eine dicke Schicht frischer Leberwurst auf ein Brötchen. „Hhhmmm“, schwärmt der Sänger. „Genauso lecker wie früher.“ Damals zogen noch die Leitermacher mit ihren Wagen durch die Straßen und riefen: „Leddern, goofd Leddern“. Und Großvater Ernst stand den ganzen Tag in seinem Kolonialwarenladen. „Es gab selbst gerösteten Kaffee, Zigarren, Zimt, Vanillepulver und Spreewälder Gurken. Wenn Großvater abends nach Hause kam, roch er immer ganz lecker.“ Heute sind die Fenster mit Rollos zugehängt, in den Räumen sitzt eine Versicherung. Nur das Relief eines Handelsschiffes erinnert an Großvater Ernst. Gunthers Schwester Ursula wohnt noch in diesem schönen Bürgerhaus. Bei ihr ist Gunther Emmerlich oft zu Besuch.

 

Aber die von bescheidener Schönheit und von vielen kleinen Edelsteinen geprägte Landschaft und Architektur haben die Holzländer geformt.

Gunter EmmerlichGunter EmmerlichWenig später halten wir auf der Hochebene Richtung Etzdorf. Ein herrlicher Blick. „Das ist mein Holzland! Berge und Wälder, Bäche, Teiche und Seen, herrliche Täler mit romantischen Mühlen“, sinniert Gunther Emmerlich. „Es war sicher nie eine reiche Gegend, aber schöne Bürgerhäuser, Kirchen, Rathäuser und Schlösser zeugen vom Fleiß und Einfallsreichtum der Leute. Natürlich sind die Berge und Täler nicht so gewaltig wie in den Alpen, die Schlösser nicht so prachtvoll wie in Potsdam und der Rhein heißt hier Malzbach. Aber die von bescheidener Schönheit und von vielen kleinen Edelsteinen geprägte Landschaft und Architektur haben die Holzländer geformt.“

Gunter EmmerlichGunter EmmerlichWir biegen in eine schmale Straße, fahren durch dichten Wald. Unser Ziel: Emmerlichs Geheimtipp: „Schortentaler Kaminstube“. „Als Teenies haben wir hier mit den Mädels von der Fachschule für Heilgymnastik getanzt. Damals noch ein gewöhnliches Vereinshaus.“ Heute sind die Wände mit urigen Holzbohlen verkleidet, dicke Schaffelle wärmen die Rücken und in drei Kaminen flackert das Feuer. „Sie müssen unbedingt das Aschebrätl der Porzellinern kosten. Hier im Holzland gibt es ja nicht nur Leitermacher und Klavierbauer. Hier sind auch Töpfereien und Porzellanhersteller Zuhause. Kein Wunder: In unserer Region gibt es viel Holz und reichlich Ton. Die Porzelliner haben die Glut vom Brennen genutzt, um ihren Braten anzurichten. Der mit Salz, Pfeffer, Senf und Zwiebeln kräftig gewürzte Schweinekamm wurde in sieben Lagen eingewickelt, abwechselnd gefettetes Butterbrot- und Zeitungspapier. So wurde der Braten in die Glut gepackt.“ Während das Aschebrätl noch vier Stunden in der Röhre vom Schortentaler Wirt gart, besuchen wir das Mühltal.

Wenn mein Geburtsort Eisenberg im thüringischen Holzland eine Staatsoper gehabt hätte, ich wäre möglicherweise dort geblieben.

 Gunter EmmerlichGunther Emmerlich wandert gerne. Manchmal durch die Sächsische Schweiz, manchmal auf dem Rennsteig, manchmal in den Vogesen, manchmal in Irland, manchmal aber auch durch das Mühltal. Hier schlängelt sich die Rauda acht Kilometer durch Wiesen und Wälder. Wie Perlen reihen sich Mühle an Mühle, acht Stück an der Zahl. Einst von Wasser angetrieben, um das Getreide der Bauern zu mahlen, wurden Pfarrmühle, Amtschreibermühle, Walkmühle und die anderen später zu Gasthäusern und kleinen Pensionen umgebaut. „Von Herrn Meuschke die Mühle müsste eigentlich Milo-Barus-Mühle heißen, denn der Wirt war über viele Jahre der so genannte „Stärkste Mann der Welt“. Milo Barus trug Pferde, rang Stiere zu Boden, zerriss Telefonbücher, zog einen vollbesetzten Bus mit den Zähnen und hob eine Straßenbahnen aus den Schienen.“  Bevor Gunther Emmerlich in der Pfarrmühle einkehrt, in der er mit Sohn Sven verabredet ist, gibt er uns noch einen Tipp: „Besucht unbedingt meinen Freund Orge in Beulbar! Er ist Sänger wie ich, hat in seinem Garten ein Am-Vieh-Theater gebaut. Die Sitzreihen sind aus Eisenbahnschwellen, ausrangierte Türen bilden die  Bühne. Während der Vorstellung laufen Kühe oder Schafe über den Hang!“ Obwohl das Freilichttheater zugeschneit ist, öffnet Orge Zurawski seine Tür. Jetzt, im November und Dezember ist er als fast jeden Tag als Weihnachtsmann gebucht. Die Ähnlichkeit ist verblüffend. Gunther Emmerlich hatte uns sein Haus beschrieben: „Die Einrichtung erinnert an den Fundus eines verlassenen Staatstheaters, in dem es sich die vergessene Verwaltung hübsch eingerichtet hat.“ Aus dem Sessel quillt Stroh, in der alten Schreibmaschine ist die Rückseite eines beschriebenen Blattes eingespannt. Orge, ein Einsiedler mit offenem Haus für alle, die Musik und Malerei lieben.

 „Wenn mein Geburtsort Eisenberg im thüringischen Holzland eine Staatsoper gehabt hätte, ich wäre möglicherweise dort geblieben. Nun hat diese stattliche Stadt nicht mal ein Stadttheater.“ Und so zieht Gunther Emmerlich weiter nach Hildburghausen. 300 Tage im Jahr ist der Opernsänger und Entertainer auf Tour. Aber ein paar Mal im Jahr kehrt er in sein Eisenberg zurück. Und fühlt sich dort wohl mit Verwandten, Freunden, neuen Eindrücken und alten Erinnerungen.

 

 

Normal 0 21 false false false DE X-NONE X-NONE

 

Der neue LANDSPIEGEL ist ab sofort im Bahnhofsbuchhandel und am Zeitungskiosk erhältlich.
Keine Ausgabe verpassen?. LANDSPIEGEL-Abo zum Vorzugspreis und portofrei zu Ihnen nach Hause.



 

Printausgaben gewünscht? Dann abonnieren Sie jetzt den LandSpiegel und sichern Sie sich alle Vorteile:

Jede Ausgabe kommt pünktlich und bequem direkt zu Ihnen nach Hause Sie verpassen keine Ausgabe. Klicken Sie hier um sich jetzt Ihr Printabo zu sichern.